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Das niedersächsische Curriculum-Modell "Mobilität"

Neuorientierung und Distanzierung von Sichtweisen traditioneller Verkehrserziehung


Mobilität mit ihren Erscheinungsformen und Ursachen stellt eine der zentralen Herausforderungen dar, denen sich die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts stellen müssen. Der Begriff wird in der Literatur überwiegend im Zusammenhang mit "Verkehr" gebraucht. Er ist inhaltlich jedoch nicht auf "Unfallverhütung" oder Verkehrssicherheitskampagnen reduzierbar. "Mobilität" umfasst alle Bereiche, die mit den Motiven der Beweglichkeit von Menschen zu tun haben.

Das Curriculum-Modell verbindet mit dieser umfassenden Sichtweise auch einen neuen didaktischen Anspruch. "Mobilität" bietet den Schulen mit 10 Bausteinen und ersten Projektvorschlägen ein Themenspektrum an, das dem komplexen Lernbereich gerecht zu werden versucht. Die vorgeschlagenen Inhalte sollen in die Rahmenrichtlinien ausgewählter Fächer integriert werden. Vom Primarbereich bis zum Sekundarbereich II wird eine fachimmanente und fächerübergreifende Systematik und Kontinuität angestrebt. Das Konzept sieht vor, folgenden Fächern die Integrationsfunktion zu übertragen:

  • Deutsch, Sachunterricht, Sport und Kunst im Primarbereich;
  • Sport, Welt- und Umweltkunde, Deutsch, Naturwissenschaften (Physik, Biologie) in den Schuljahren 5 und 6;
  • Deutsch, Englisch, Biologie, Physik, Erdkunde und Kunst in den Sekundarbereichen I und II;
  • Politik im Bereich der berufsbildenden Schulen.


Damit werden Inhalte des Lernbereichs "Mobilität" vom Primarbereich bis zum Sekundarbereich II im Sinne eines Spiralcurriculums verankert. Themen der Verkehrssicherheit behalten ihren Stellenwert, bestimmen aber nur Teile des Curriculums. Damit geht das neue Konzept auf Distanz zur bisherigen Praxis der Verkehrserziehung. Traditionelle Verkehrspädagogik wird den gesellschaftlichen Herausforderungen einer Mobilität des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht.

Das Curriculum-Modell steht unter dem Leitbild der Agenda 21: Es stellt zum einen das menschliche Grundbedürfnis nach Mobilität heraus, zeigt zum anderen aber auch Verpflichtungen auf, die sich aus einer "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung" ergeben. Das menschliche Bedürfnis nach unbegrenzter Mobilität gefährdet zugleich auch unser Leben und das folgender Generationen (Umwelt). In der Erziehungswissenschaft spricht man von einem "Schlüsselproblem". Es markiert "eine Beziehung zwischen Bildung und gegenwärtiger sowie voraussehbarer zukünftiger Gesellschaftsentwicklung". Bildungs- und Erziehungsaufgaben, die den Schulen übertragen werden, sind häufig Reflexe (Reaktionen) der Bildungspolitik auf Probleme der Gesellschaft. Wenn heranwachsende Generationen aber nicht nur reagieren, sondern in die Verantwortung für die Lösung vorhersehbarer globaler Probleme genommen werden sollen, dann sind sie frühzeitig und mitgestaltend einzubeziehen.

Das niedersächsiche Modell ist eingebettet in das bildungspolitische Programm der Landesregierung. Sie hat in einem Kabinettsbeschlusss vom 14.11.00 das Curriculum "Mobilität" in den "Klimaschutzaktionsplan Niedersachsen" aufgenommen.

Integriert in das Konzept ist das Pilotprojekt "Kooperation Schule - Fahrschule". Es verfolgt das Ziel, Schülerinnen/Schüler mit präventiv-pädagogischen Mitteln auf die motorisierte Teilnahme am Straßenverkehr vorzubereiten. Diese Thematik ist zugleich Inhalt des Bausteins "Führerschein im Kopf", der in den Klassen 9 - 11 einen Schwerpunkt bildet. Das Projekt läuft seit Beginn des Schuljahres 1998/99. Die Pilotphase wurde 2002 abgeschlossen. Das Kultusministerium bzw. das Niedersächsisches Landesamt für Lehrerbildung und Schulentwicklung (NiLS), kooperieren in diesem Projekt mit folgenden Ministerien und Institutionen: Niedersächsisches Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Verkehr, Niedersächsisches Innenministerium, Bildungsinstitut der Polizei Niedersachsen, Bundesanstalt für Straßenwesen, Universität Gießen. Eingebunden in die Betreuung des Pilotprojekts ist auch die Landesverkehrswacht Niedersachsen. An diesem in der Bundesrepublik bislang einmaligen Modellversuch sind 11. Klassen von ausgewählten Gymnasien, Gesamtschulen und Berufsbildenden Schulen des Landes beteiligt.

Die Curriculum-Kommssion hat Ende des Jahres 2001 ihre Arbeit weitgehend abschließen können. Folgende Bausteine werden vorliegen:

  • "Regeln und geregelt werden"
  • "Miteinander - gegeneinander"
  • "Führerschein im Kopf"
  • "Tourismus"
  • "Lebensräume - Lebensträume"
  • "Einsteigen - umsteigen - aussteigen"
  •  "Mobiltät in ausgewählten Lebensbereichen: Beispiel 'Mobiltät in der Gemeinde'" (Projekt)


An der Fertigstellung der Bausteine "Global - lokal - egal (?)", "Verdammt in Rausch und Drogen" und "Im Takt der Zeit: Zeit, Distanz, Akzeleration" wird derzeit gearbeitet.

Seit November 2001 werden Lehrerfortbildungskurse zur Umsetzung des Curriculum-Modells durchgeführt. Die Angebote richten sich zunächst an künftige Multiplikatoren. Damit sind die verschiedenen Funktionsträger gemeint: Fachberatungen, Leitungen von Seminaren für Lehramtsanwärter/-innen aller Schulformen in der zweiten Phase (Referendariat), Generaliendezernate der Schulaufsicht, Schulleitungen. so soll sukzessive ein flächendeckendes Netz von Multiplikatoren/-innen entstehen. Ziel ist es, sie so zu qualifizieren, dass sie auf regionaler Ebene die Lehrkräfte der ausgewählten Fächer mit den Bausteinen und ihren unterrichtlichen Möglichkeiten vertraut machen können. Die Kommission will die Bausteine als Basisangebot verstanden wissen, das den Lehrkräften eine Orientierungshilfe geben soll. Anregungen und Quellen-Hinweise sind ständig zu ergänzen und zu aktualisieren. Die Kommunikation mit den Schulen wird zeigen, ob eine weitere Konkretisierung der Bausteine gewünscht wird (z. B. Erarbeitung von Unterrichtseinheiten).

Alle Schulen können Informationen über das Curriculum-Modell aus dem Internet beziehen.

Sie haben die Möglichkeit, Vorschläge zur Verbesserung der unterrichtlichen Arbeit einzubringen. Die Initiatoren des Konzepts sind davon überzeugt, dass es gelingen kann, mit dem Curriculum-Modell inhaltlich und kommunikativ neue und innovative Wege zu beschreiten.

Materialien zum Thema

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